Abdichtungslängenvergleich

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Der Kampf gegen Schlagregen und Stauwasser: ein Drama in fünf Akten.

Exposition

Es begann am Tag unserer Vorabnahme, als unser Gutachter Herr Olbort feststellte, dass die Aufkantungshöhen an den Terassentüren zu niedrig seien.

Daraufhin folgte eine heftige Diskussion zwischen Kondor Wessels und Herrn Olbort, die uns vollkommen unvorbereitet traf.

Auch wenn wir uns bemühten, auf eine Versachlichung hinzuwirken, war eine Klärung des Sachverhalts nicht möglich. Sagen wir es mal so: es gab keinen Gute-Laune-Preis für den weiteren Verlauf.

Worum geht es eigentlich?

Zum Schutz des Gebäudes vor Wasser wird von außen wird eine Bitumenbahn angebracht (verklebt). Diese wird an der Oberkante mittels Klemmschienen befestigt:

Auszug-Flachdachrichtlinie_bild

 

Die hier zur Anwendung gebrachten Flachdachrichtlinien sehen vor, dass zwischen Oberkante der Abdichtung und den Gitterrosten zur Entwässerung mindestens 5 cm liegen müssen, um Schutz vor Überlauf (z.B. bei Vereisung der Rinne und nicht mehr gewährtem Ablauf) und Schlagregen zu bieten.

Steigerung

Im Prinzip drehte sich der Konflikt für die beteiligten Profis um folgende Frage: Wie wird die Messung der Aufkantungshöhe vorgenommen?

Laut Herrn Olbort gilt der Abstand zwischen Oberkante Bitumenbahn und Gitterrost. Dieser beträgt irgendetwas zwischen 0 und 1 cm – wäre also deutlich zu wenig.

Laut Kondor Wessels gilt der Abstand zwischen Oberkante Türschwelle und Gitterrost. Dieser betrug bei uns auch etwas unter 5 cm, aber nur wenig.

Grundsätzlich ist also festzustellen, dass die Flachdachrichtlinie bei unserer Wohnung in jedem Fall nicht eingehalten wurde; bei anderen Wohnungen ist es unterschiedlich (je nachdem, welcher Meinung man folgt). Dem schließt sich auch der für das Gemeinschaftseigentum zuständige Sachverständige vom TÜV Süd an:

Rein formal sind hier die Forderungen der Fachregeln nicht vollumfänglich eingehalten.

Für uns ergab sich die einfach zu stellende, jedoch schwer zu beantwortende Frage: Inwiefern birgt die vorliegende Ausführung die Gefahr des Eindringens von Wasser in die Innenräume und damit einhergehenden Schäden?

Höhepunkt

Da das Thema natürlich auch andere BewohnerInnen betreffen würde, war es für uns wichtig, das ganze in einer sachlichen Diskussion zu klären. Ich vermittelte daher einen Termin, an dem Vertreter von Kondor Wessels und TÜV Süd, Herr Olbort und wir (als Experten-Joker) genau dies tun könnten.

Dummerweise war der Termin zu kurz angesetzt, sodass ein zweiter Termin zur Weiterführung nötig wurde. Ich war auch beim ersten Termin aus beruflichen Gründen nicht dabei.

Der zweite Termin verlief sehr konstruktiv; es wurden noch einmal die verschiedenen Positionen ausgetauscht, der TÜV-Sachverständige moderierte.

Die Vertreter von Kondor Wessels waren der Meinung, es sei korrekt so, wie es ursprünglich gebaut worden sei.

Herr Olbort zitierte den Experten Jens Drefahl, der viel zu diesem Thema veröffentlicht. Ihm zufolge gibt es u.a. folgende Kriterien bei bodengleichem Bau (der hier natürlich nicht so vorliegt):

  • Dachüberstand  ausreichend für Schlagregen mit 45º: das haut bei unserer Wohnung in etwa hin, bei anderen (z.B. Dachgeschoss) aber eher nicht
  • 2% Oberflächengefälle vom Haus weg
  • Rinnen mit Anschluss an Abwasser: das liegt in allen Wohnungen vor (das wusste Herr Olbort vorher nicht und war positiv überrascht)
  • Frostschutzheizung

Herr Olbort machte folgende Kompromissvorschläge:

  • eine Abdichtung von Bitumenbahn bis Schwelle mit Flüssigkunststoff
  • eine Vergrößerung des Rostes / Vertiefung der Hohlkehle unter dem Rost
Das Retardierende Moment

Das retardierende Moment ist in diesem Drehbuch leider dem Lektorat zum Opfer gefallen.

Bitte stellen Sie sich vor, ich würde Ihnen Sand in die Augen werfen (wer den Film errät, gewinnt wieder mal ein Bier!) und gehen Sie direkt weiter zur Auflösung.

Auflösung

Folgende Maßnahmen schlug der Sachverständige des TÜV im Anschluss vor:

  • Auftragen von Flüssigkunststoff bis unter die Schwelle bei exponierter Lage (d.h. wo keine oder nur geringe Überdachung vorhanden ist, z.B. im Dachgeschoss).
  • Bei ausreichender Überdachung sind keine weiteren Maßnahmen notwendig. Dies betrifft auch unsere Terrassen.
  • Der Ausführende muss schriftlich erklären, dass die Konstruktion wasserdicht und nicht hinterläufig ist (das betrifft natürlich vor allem die Befestigung mittels der Klemmschienen).
  • Die Eigentümer lassen kurz vor Ablauf der Gewährleistung die Dichtheit überprüfen.

Diesen Punkten stimmten die Vertreter von Kondor Wessels zu. Darüber hinaus wird der Abstand von 5 cm zwischen Rost und Oberkante Schwelle hergestellt und ein Gefälle von 2% vom Haus weg gewährleistet.

Der TÜV-Sachverständige empfahl uns noch, diese Punkte bei unserer Abnahme aufzunehmen, versicherte uns jedoch, dass aus seiner Sicht keine Gefahr besteht, dass mit der vorhandenen Konstruktion Wasser in die Wohnung eindringen kann.

Epilog

Was ist von all dem zu halten? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Wie muss es sein, wenn man mehrere Jahre seines Lebens in den Bau eines solchen Projekts steckt, nach allgemeiner Meinung sehr hohe Qualität abliefert, und dann kommt sowas? Alles richtig gemacht, und trotzdem kommt jemand und hat etwas auszusetzen?

Das ist nach meinem Gefühl die Haltung der Leute von Kondor Wessels. Ich kann es ihnen im Prinzip nicht verdenken.

Andererseits: Sind technische Regeln nicht dazu da, eingehalten zu werden? Und wenn nein, wo ist die Grenze? Wo setzt man den Punkt an, an dem es nur noch theoretisch wird? Wer setzt das fest? Da bin ich Herrn Olbort sehr dankbar, dass er die kritische Rolle einnimmt, die wir als Laien nicht erfüllen können.

Wir sind jetzt mit dem gefundenen Kompromiss völlig einverstanden; ich hoffe, er ist auch für die anderen BewohnerInnen so in Ordnung. Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für die investierte Zeit, die Nerven und die Fähigkeit, in den wichtigen Momenten die Ruhe zu bewahren.

Und wenn in sechs Jahren nach Ablauf der Gewährleistung die Suppe in unserer Wohnung steht und das Parkett quillt… dann wird Hamburg absteigen. Ansonsten gilt: Nur der HSV.

 

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